Nichts ist so nervig, wie die tote Journalistin von gestern !

Kostas Charitos, Leiter des Morddezernats des Distrikts Attika, hasst Journalisten. Fernsehjournalisten besonders. Dumm nur, dass er sich in Petros Markaris‘ Erstling Hellas Channel  bei jedem Mordfall mit ihnen rumschlagen muss. Und dann wird auch noch Janna Karajorgi, Starreporterin von Hellas Channel, im Sender tot aufgefunden. Jetzt hat Charitos die ganze Meute erst recht im Nacken sitzen.

von VERENA SCHÄTZLER

Das Leben von Kostas Charitos könnte so schön sein. Morgens einen Kaffee und ein Croissant, ein  relativ ruhiger Arbeitstag am besten ohne Leichen und nach Feierabend in aller Ruhe Souvlaki aus der Tüte essen und dabei in seinen heiß geliebten Wörterbüchern blättern. Könnte, denn natürlich kommt alles anders. Statt eines Kaffees und eines Croissants erwartet ihn im Morddezernat die Nachricht, dass zwei Albaner tot in ihrem Verschlag gefunden wurden. Sein Vorgesetzer Gikas nervt mit seinen neuen FBI Methoden : „Wissen Sie nicht, was ein profile ist?“ und dann belagern ihn auch schon die Journalisten, die natürlich am liebsten von ihm hören wollen, dass der Fall gelöst ist. Eine von ihnen geht ihm besonders auf den Geist, Janna Karajorgi, von ihren Kollegen die „Schnüfflerin“ genannt und Polizeireporterin bei Hellas Channel. Charitos ist sich sicher, mit ihren Zwischenfragen und Andeutungen will sie ihn dumm da stehen lassen. Ob die Albaner Kinder hatten, will sie wissen. Damit hat sie Charitos schon einen Floh ins Ohr gesetzt. Aber bevor er mehr aus ihr heraus bekommen kann, wird die Karajorgi kurz vor ihrer Livesendung ermordet. Eine riesen Story wollte sie enthüllen. Ob die Kinder etwas zu tun hatten, nach denen sie Charitos gefragt hatte? Einfach hat es Charitos jetzt nicht mehr, die beiden Morde aufzuklären, vor allem, da ihre Journalisten-Kollegen ihm jetzt noch mehr auf den Fersen sind. Schließlich nehmen die den Mord an der „Schnüfflerin“ persönlich. Es liegt jetzt also an Charitos sich mit Bauernschläue und einer gehörigen Portion Zynismus, bei seinen Ermittlungen nicht nur Gikas sondern auch die Fernsehmeute vom Leib zu halten.

Charitos : Ein typischer Durchschnitts-Grieche?

Kostas Charitos würde sich selbst als einen griechischen Kleinbürger bezeichnen. Er hat eine (manchmal) nörgelnde Ehefrau zu Hause, aber „es gibt Schlimmeres“. Katerina, seine einige Tochter und sein ganzer Stolz studiert Jura in Thessaloniki. Er selbst hat es mit viel Arbeit zum Leiter des Morddezernats gemacht, kommt aber die Karriereleiter nicht weiter hoch, „das war schon immer so, also bleibt es“. Also hat er sich damit arrangiert und erfreut sich an den kleinen Dingen des Lebens. Ein Tasse Kaffee und ein Croissant, die er jeden Morgen von seinem Untergebenen gebracht bekommt und mit dem er außerdem einen morgendlichen nonverbalen Schlagabtausch pflegt.
Wenn man aber genauer hin sieht, fällt auf, dass Charitos doch nicht so durchschnittlich ist. Wie viele Griechen haben immer noch Kontakt zu ehemaligen Junta-Häftlingen, bei deren Verhören sie dabei sein mussten? Und wie viele Griechen fahren einen uralten Mirafiori, der eigentlich schon zehnmal hätte verschrottet werden müssen? Wie viele Griechen lieben es wie er in Wörterbüchern zu blättern? So viele werden es nicht sein.

Hellas Channel ist Petros Markaris erster Kriminalroman. So wundert es nicht, dass die Charaktere, Charitos, seine Frau Adriani und seine Tochter Katerina, noch etwas blass und farblos sind. Es zeigt sich aber jetzt schon, dass in ihnen viel Potential steckt, das darauf wartet sich zeigen zu können. Zusammen mit Charitos fährt der Leser durch die Strassen von Athen, wenn nicht gerade Stau herrscht und im Wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr geht. Das Ende des Romans, die Entlarvung des Täters, wirkt allerdings etwas konstruiert. Da müsste Markaris etwas nachbessern. Nichts desto trotz ist Hellas Channel sehr kurzweilig.

 

Petros Markaris: Hellas Channel
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257232829
ISBN-13: 978-3257232820
Originaltitel: Nychterino Deltio

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